In memoriam Theda Rehbock

Übersetzung des Nachrufs der Universität Tartu

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In memoriam Theda Rehbock
27.8.1957 in Aurich, Ostfriesland - 2.1.2021 in Susimetsa, in der Nähe von Pärnu in Estland

Liebe Kollegen!

Am frühen Morgen des 2. Januar verließ uns meine gute Freundin, die Philosophin Theda Rehbock, die die letzten anderthalb Jahre ihres Lebens auf ihrem Anwesen Susimetsa in der Nähe von Pärnu gelebt hat.

Unsere Wege kreuzten sich 1992 in Konstanz, wo sie promoviert hatte und gerade Philosophie unterrichtete. Ich habe ihr Seminar zur Phänomenologie besucht und damit hat unser philosophischer Austausch angefangen der 29 Jahre lang gedauert hat. Wir waren uns selten einig, aber es war inspirierend und regte zum Nachdenken sowie Finden neuer Argumente an. Theda war eine hervorragende Kennerin der Kant‘schen Philosophie, aber sie hat sich auch gut in der phänomenologischen Tradition sowie in der antiken Philosophie ausgekannt. Ich bedanke mich bei Theda, dass sie mich meinem zukünftigen Doktorvater Prof. Dr. Gottfried Gabriel vorgestellt hat.

Als ich in 2000 eine Professur für praktische Philosophie an der Universität Tartu bekam und nach Estland zurückkehrte, zeigte Theda großes Interesse mich in Tartu zu besuchen. Sie hat mehrmals an der Universität Tartu Vorträge gehalten, ebenso mehrere Konferenzen und Seminare im Ethikzentrum besucht. Ihr längster Aufenthalt an der Universität Tartu fand 2010 statt, als sie vom April bis Juni in der philosophischen Abteilung als Gastprofessorin (unterstüzt vom DAAD) gewirkt hat. Sie leitete bei uns zwei Kurse: „Lying, truth and truthfulness-moral, anthropological and linguistic arguments against lying“ und „Aristoteles Nikomachische Ethik“. Zuletzt hat sie im Juni 2019 hier am Seminar zum Thema „Empathie“ teilgenommen.

Theda Rehbock wurde am 27.08.1957 in Aurich in Deutschland geboren. Sie hat Germanistik und Philosophie (eine Zeit lang auch Geschichte und Romanistik) an den Universitäten in Zürich, München, Münster und Konstanz studiert. Ihre Dissertation schrieb sie zum Thema „Goethe und die Rettung der Phänomene. Zur philosophischen Kritik des naturwissenschaftliches Weltbildes am Beispiel der Farbenlehre“ im Jahr 1992 in Konstanz. Ihre Habilitationsschrift „Personsein in Grenzsituationen. Zur Kritik der Ethik medizinischen Handels“ legte sie 2003 an der Technischen Universität Dresden vor.

Die Bücher von Theda Rehbock:

  • Goethe und die „Rettung der Phänomene“: Philosophische Kritik des naturwissenschaftlichen Weltbilds am Beispiel der Farbenlehre (1995)
  • Person sein in Grenzsituationen: Zur Kritik der Ethik medizinischen Handelns (2005)

Von Theda Rehbock können Sie die folgende Artikel im Englischen lesen:

  • „How to respect the will of mentally ill persons“, Studia Philosophica Estonica, Vol. 6.2 (2013) „Medical Philosophy and Medical Ethics in the Nordic and the Baltic Countries“ (eds) K. Simm & H. Lerner doi: https://doi.org/10.12697/spe.2013.6.2.03
  • Im estnischen Zeitschrift Trames hat sie den Aufsatz „Light And Color From A Philosophical Point of View“ veröffentlicht (Trames, 2003, vol 7, No 3, 183-202)
  • Auf der vom Ethikzentrum veranstalteten Konferenz zum Thema „From informed consent to no consent“ hat sie einen Vortrag gehalten, der später zu einem großartigen Artikel über Autonomie geformt wurde: „Limits of Autonomy in Biomedical Ethics? A Conceptual Clarification”, in Cambridge Quarterly of Healthcare Ethics, Volume 20, Issue 4, October 2011, pp. 524 - 532, Special Issue „From Informed Consent to No Consent“ (ed. M. Sutrop, K. Simm). DOI: https://doi.org/10.1017/S0963180111000260
  • Auf Grund der bei uns durchgeführten Kurses kam der folgende Artikel heraus: „Don't lie. Why not? How to Argue for Truthfulness in Medical Ethics?”, Cambridge Quarterly of Healthcare Ethics (2012), 21, 177–187

Da sie sich als Ethikerin für die Themen der Autonomie des Patienten, Fürsorgepflicht, des guten Sterbens (als Teil des guten Lebens), des medizinischen Eingriffs, sowie für den Themenkreis des Todes und des Umganges mit den Toten interessiert hat, war ihre eigene Krankheit und die Vorbereitung zum Tod zugleich eine Grundlage für die philosophischen Überlegungen. Ich füge als Anhang ihren deutschsprachigen Artikel „Der Tod und die Toten“ bei.

Theda war an Brustkrebs erkrankt, 2013 wurde sie therapiert. 2018, als sie erfahren hat, dass der Krebs in die Knochen metastasiert ist, hat sie sich dafür entschieden, die Professur aufzugeben und die ihr gebliebenen Jahre zum Lesen, Schreiben und Reisen zu nutzen. Ihre Inaugurationsvorlesung als Professorin an der Evangelischen Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum im Februar 2019 war zugleich ihre Abschiedsvorlesung. Im Mai 2019 hat sie sich mit ihrem Wohnmobil auf den Weg gemacht, durch Skandinavien in Richtung Estland, um hier das Jubiläumssängerfest mitzufeiern. Sie hatte mehrere estnischsprachige Lieder erlernt und hat sowohl auf dem Tartuer als auch dem Tallinner Sängerfest mitgesungen.

Als wir nach dem Sängerfest die Stadt Haapsalu besucht haben, hat sie mich darum gebeten, ein Haus in Estland für sie zu suchen, wo sie sich niederlassen könnte. Anfangs hatte sie vor, in der Nähe von Haapsalu eine architektonische Perle, einen Jagdschloss mit Leseturm zu kaufen. Das Haus war aber nicht zum ganzjährigen Wohnen gedacht. So fiel die Entscheidung für das Anwesen Susimetsa, unweit von Pärnu. Sie hat es genossen, in ihrem eigenen Gewächshaus Tomaten und Gurken anbauen zu können, im Sommer direkt vom Beet Erdbeeren zu pflücken und eigene Johannisbeerersträucher zu haben. Sie hat das Schwimmen in ihrem See sehr geliebt, sowie die Saunabesuche. Als ihre Beine nicht mehr fähig waren sie zu tragen, hat sie sich ein Golfcart angeschafft mit dem sie über ihr Grundstück fahren konnte, sowie einen elektrischen Rollstuhl, der es ihr ermöglichte sich zuhause, in Pärnu, Tallinn und Tartu zu bewegen.

Theda war von Estland sehr begeistert und hat es geschafft, hier eine Menge von Freundschaften zu schließen sowie in einem Chor in Pärnu zu singen (sie verfügte über eine hervorragende Stimme). Auf ihrem 63. Geburtstag waren rund 40 Gäste, vorwiegend Menschen aus dem Umkreis Pärnu, mit denen sie Bekanntschaften geschlossen hatte. Sie hatte angefangen, Estnisch zu lernen und hat mit großem Interesse die Werke von Jaan Kross gelesen. Im letzten Frühjahr hat sie auch das Jubiläum vom Kross miterlebt. Ende Oktober besuchte sie das Arvo Pärt Zentrum und lernte Arvo Pärt persönlich kennen, dessen Musik sie hochgeschätzt hat. Ende November besuchten wir noch das estnische Nationalmuseum in Tartu und sie hat ein Interesse für die estnischen Märchen Friedrich Robert Kreutzwalds entwickelt, dessen deutschsprachige Sammlung ich ihr zu Weihnachten geschenkt habe. Sie hat es aber nicht mehr geschafft sie zu lesen. Noch Anfang Dezember, als sie aus Tartu von einer MRT-Untersuchung nach Hause fuhr, hat sie erzählt, dass sie vorhat, drei Bücher zu schreiben. Leider wurde dieser Wunsch nicht verwirklicht. Auch die Gründung eines philosophischen Zentrums in Susimetsa (Motto: Philosophie als Lebensform) blieb unvollendet. Theda hat davon geträumt, dass Susimetsa zu einem offenen Zentrum für Philosophie wird, wo die Menschen die Möglichkeit haben Bücher zu schreiben und zugleich im Garten zu arbeiten.

Theda war sehr begeistert von einem Buch, Pierre Hadot, „Philososophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike“ (Berlin, 1991). Und ihr Traum war, dass Susimetsa so ein Ort wird wo Philosophie als Lebensform praktiziert wird. Das Buch beginnt mit dem Motto von Immanuel Kant, den Theda sehr geschätzt und deren Philosophie sie sehr gut gekannt hat. Kant schreibt: „Wann willst Du anfangen tugendhaft zu leben, sagte Plato zu einem alten Mann, der ihm erzählte, dass er die Vorlesungen über die Tugend anhörte. - Man muss doch nicht immer spekulieren, sondern auch einmal an die Ausübung denken. Allein heut zu Tage hält man den für einen Schwärmer, der so lebt wie er lehrt.“ (Immanuel Kant, Kleinere Vorlesungen, Philosophische Enzyklopädie). Auch Theda glaubte dass die Philosophie nicht darin besteht, ein System zu konstruieren, sondern in einer bestimmten Art, die Welt zu betrachten, oder noch mehr, eine Art zu leben ist.

Theda starb in ihrem Heim in Susimetsa, friedlich und still, ohne Schmerzen und Medikamente, genauso, wie sie sich es gewünscht hatte. Große Schmerzen, die sie von Mitte Oktober bis Mitte Dezember gequält hatten, hatten nachgelassen und sie konnte ruhig zum ewigen Schlaf gehen. Es war ihr Wunsch, dass sie auf ihrem Familiengrabplatz in Aurich in Norddeutschland eingebettet wird, sie aber vom Susimetsa auf den Weg begleitet wird. Ich hoffe sehr, dass wir eine kleine Trauerfeier in Susimetsa veranstalten können, die wegen des Corona-Virus wahrscheinlich nur draußen stattfinden wird (mit Lagerfeuer und Musik). Wenn ihr Sarg dahin gebracht wird, können wir es so veranstalten, dass ihr Weg nach Hause von ihrem estnischen Heim aus den Anfang nimmt. Wer daran teilnehmen möchte, ist willkommen. Es steht noch nicht fest, wann die Trauerfeier stattfinden wird.

Ich habe eine sehr gute Freundin verloren. Die philosophische Gemeinde aber hat eine Philosophin verloren, die über eine hervorragende, originelle Weise zu Denken sowie über eine exakte Argumentation verfügte und eine Ethikerin, die ein sehr empfindliches Denken pflegte. Neben ihrem Bett blieb geöffnet mein Artikel „Was ist die estnische Philosophie?“, in der Sonderausgabe von Studia Philosphica Estonica zum Thema „History of Philosophy in Estonia“ (vol. 8, 2, 2015). Darin wird die Frage gestellt: Was ist ESTNISCHE Philosophie – ist es eine auf Estnisch geschriebene, eine für die Esten geschriebene oder eine von den in Estland gelebten Philosophen geschriebene Philosophie. Wenn man die Estnische Philosophie groß schreibt (als die von den in Estland gelebten Philosophen geschriebene Philosophie), dann war Theda Rehbock eine Estnische Philosophin.

Ich hoffe sehr, dass wir bald eine Möglichkeit haben, einen ihrer Texte auch ins Estnische zu übersetzen.

In tiefer Trauer
Prof. Dr. Margit Sutrop
Tartu, 6. Januar 2021

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In memoriam Theda Rehbock

In memoriam Theda Rehbock (27.8.1957 Aurichis–2.1.2021 Susimetsas, Pärnumaal)